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Wie kommt es zur Dissoziation?
Als Beispiel soll der Fall eines kleinen Mädchens dienen, das nachts vom Vater sexuell missbraucht wird. Es ist verwirrt und hat große Angst vor dem, was gerade passiert.
Die Drohungen des Peinigers, egal ob verbal oder nonverbal, sind häufig gepaart mit körperlicher Gewalt oder deren Androhung. Es wird dem Mädchen eingeredet, dass es selber oder andere sterben müssen, wenn es zu schreien beginnt oder anderen etwas über die Vorgänge erzählt.
Außerdem wird dem Mädchen suggeriert, dass ihm sowieso niemand glauben wird - eine Aussage, die sich in der Realität leider oftmals bestätigt. Was kann das Mädchen dann in dieser Situation tun, um diese Form des Traumas auszuhalten? Es wird sich schlafend stellen, da es seinem natürlichen Impuls, um Hilfe zu schreien, nicht folgen kann/darf.
So muss es andere Mechanismen entwickeln, dem seelischen und körperlichen Schmerz, der ihm zugefügt wird, zu entfliehen. Es selbst muss erkennen, dass es in dieser Situation hilflos und ohnmächtig ist, dem körperlichen und seelischen Schmerz durch die sexuelle oder physische Misshandlung ausgeliefert. Die Tatsache, dass der Täter oftmals eine vertraute Person ist, kommt als traumatisierender Faktor hinzu.
Entdeckt das Kind, das es sich durch die Dissoziation aufspalten und damit aus der Situation zumindest mental "befreien" kann, wird es in einer ähnlichen Lage die Dissoziation immer wieder anwenden, um sich selber zu schützen. Ein Teil des Mädchens kann in eine andere Welt entkommen und nimmt dort nichts wahr von dem Grauen und dem Schmerz, der ihm gerade zugefügt wird. Der andere Teil sorgt dafür, dass der Täter/die Täterin sein Bedürfnis nach Macht befriedigen kann.
Das Mädchen entwickelt schließlich verschiedene Persönlichkeiten, die unterschiedliche Funktionen haben. Man kann diese aufteilen in Helferpersönlichkeiten, die die Sorge für den Schutz der/des Betroffenen tragen. Sie versuchen Situationen zu vermeiden, in denen es ihrer Erfahrung nach zu sexuellen Übergriffen kommen könnte.
Andere Persönlichkeiten sorgen für die Stabilität in Beruf oder Schule oder übernehmen die Rolle des Kindes, das eigentlich so schutzbedürftig ist.
Somit könnte man das Phänomen der multiplen Persönlichkeit als eine Art Hilfsmechanismus des Menschen bezeichnen, gewisse Erinnerungen oder z.B. die Schmerzwahrnehmung auszuschalten. Das ganze ist ein physiologischer, sehr kreativer Abwehrmechanismus der Seele bzw. des Individuums.
Wiederholen sich die traumatischen Situationen, was gerade bei sexuellem Missbrauch die Regel ist, dann reichen zwei Persönlichkeiten nicht mehr aus und die Person spaltet sich immer mehr auf, insbesondere dann, wenn zum sexuellen Missbrauch körperliche Gewalt hinzukommt. Erfährt das Kind Gewalt durch mehrere Täter und ist niemand da, der das Kind unterstützt, dann werden viele Persönlichkeiten gebraucht, die Aufspaltung schreitet voran.
Wurde einmal eine positive Erfahrung mit der Möglichkeit der Dissoziation gemacht, fällt de Aufspaltung immer leichter und es kann vorkommen, dass sich später innerhalb einer Situation mehrere Persönlichkeiten in ihrer Präsenz abwechseln. Somit muss jede jeweils nur ein Bruchstück der Szene erleben und erinnern. Das ist wesentlich einfacher, als die gesamte Situation ertragen zu müssen.
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