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Kindersextourismus

 

Kinderprostitution an der tschechisch-deutschen Grenze

Seit einem Jahrzehnt bringt das Wohlstandsgefälle an der Südgrenze des Vogtlandes eine Perversion hervor - die Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze.

Die Tätergruppe ist bekannt: »deutsche Männer oberhalb der Fünfzig im komfortabel ausgestatteten Mittelklassewagen«. Betroffene aus dem Milieu berichteten, daß mittlerweile sogar dreijährige Kinder »angeboten« werden, die man für 500 Euro einen Tag lang mitnehmen könne. Selbst Babys würden durch Aushänge in Fenstern oder direkt am Autofenster feilgeboten. Die ansässige Polizei schaut dem tatenlos zu. Ursache des Problems, so betonten mehrere Teilnehmer, sei das enorme Wirtschaftsgefälle zwischen Tschechien und der Bundesrepublik. Die »Tageserlöse« für ein Kind würden oft den durchschnittlichen Monatslohn in Tschechien weit übersteigen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums gibt es »ganze Busladungen deutscher Sextouristen«, die in Cheb Kinder zwischen drei und 17 Jahren sexuell mißbrauchen. Dort schicken Eltern ihre Kinder auf die Straße, um den Lebensunterhalt der Familien bestreiten zu können. Auch minderjährige junge Frauen aus Osteuropa, von gnadenlosen Zuhältern auf den Strich gezwungen, sind Kinder.

Lukratives Geschäft

So ist Kinderprostitution in der Region längst ein lukratives Geschäft geworden. Vielleicht ein Grund dafür, daß die Polizei in Tschechien wegschaut. Tschechische Behörden bestehen sogar darauf, daß es »nie Fälle von Kinderprostitution in Cheb und Umgebung gegeben hat«. Dagegen stehen Berichte über deutsche Männer, die geistig Behinderte oder schwangere Kinder bevorzugen. Eine 15jährige soll gar wenige Tage nach ihrer Entbindung vom Zuhälter wieder auf den Strich geschickt worden sein. Dies und anderes berichtete eine Betroffene, die sich selbst in dieser honorigen Runde mit Perücke und Sonnenbrille unkenntlich machte. Sicher ist sicher. Fazit der Tschechin: »Cheb ist schrecklich«.

Nach Angaben von »terre des hommes« wurden an der deutsch-tschechischen Grenze allein 1999 1150 Fälle von Kinderprostitution aktenkundig. Nach Beobachtung von Streetworkern aus Plauen, die wöchentlich bis zu dreimal zur sozialen und gesundheitlichen Betreuung in der Grenzregion Tschechiens unterwegs sind, gibt es auf dem Straßenstrich zwischen Cheb und der Grenze von einer auf die andere Woche eine Fluktuation von 50 Prozent. Das läßt darauf schließen, daß neben der Prostitution von zumeist jugendlichen Frauen und Mädchen aus Osteuropa das große Geschäft in ihrem Weiterverkauf in die Metropolen Berlin, Hamburg oder Amsterdam besteht. Das Treiben der überwiegend sächsischen und bayrischen Kinderschänder ist dabei perverse Overtüre des sich anschließenden Menschenhandels mit Minderjährigen in europäischer Dimension. Etwa 10000 ausländische Minderjährige, so »terre des hommes«, werden allein in Deutschland kommerziell, vorrangig sexuell, ausgebeutet.

Deutsche Wegschaugesellschaft

Die Gesetzeslage zur Ahndung des kommerziellen Kindesmißbrauchs, so bekräftigten Vertreter von Polizei und BGS, sei seit 1993 klar. Danach werden auch in Tschechien begangene Straftaten in Deutschland geahndet. In der Realität aber käme es kaum zu Anzeigen, Betroffene weigerten sich, als Zeugen aufzutreten. Ein Teufelskreis, aus dem es ohne couragierte Bürger und Politiker, die das Problem in die Öffentlichkeit tragen, kein Entrinnen zu geben scheint. Erste politische Voraussetzung für eine Lösung wäre die uneingeschränkte Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention von 1992 durch Deutschland. Nickels äußerte sich zu diesem Thema nicht. Unter der Regierung Kohl wurde das Problem ins Ausländerrecht gelenkt. Favorisiert wurde die rasche Abschiebung von Opfern, statt kind- und jugendgerechte Versorgung zu gewähren. »Auch wir in Deutschland«, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt, »sind zu einer Wegschaugesellschaft geworden.«

»Das Hearing war ein erster Schritt, die Öffentlichkeit für das üble Geschehen im grenznahen Raum zwischen Deutschland und Tschechien zu sensibilisieren«, sagte Christa Nickels gegen Ende des Hearings. »Kinderrechte sind Menschenrechte. Um diesen zur Bekämpfung der Kinderprostitution Geltung zu verschaffen, bedarf es der Vernetzung der beteiligten NGO's mit staatlichen Institutionen.« Einbezogen werden müßten couragierte Bürger und auch Reiseunternehmer.

Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit und Erziehung. »Eines ist klar«, so Ekin Deligöz, »Gewalt ist keine Privatsache. Sie fällt auf uns selbst zurück. Wer heute nach Tschechien fährt, um kriminelle Handlungen zu begehen, tut es morgen vor seiner eigenen Haustür.« Auch im vogtländischen Plauen gibt es längst Anzeichen dafür, daß Kinder mit Gelegenheitsprostitution ihren Drogenkonsum finanzieren.