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Definition:
Sie betteln, um satt zu werden. Sie schlafen auf Gehsteigen oder in großen Pappkartons. Sie werden verachtet, verjagt - und weil sie in einigen Ländern als öffentliches Ärgernis angesehen werden, sogar brutal ermordet. Straßenkinder haben kein normales Zuhause. Sie haben es als Folge von kriegerischen und gewaltsamen Auseinandersetzungen verloren - oder aber sie sind selbst abgehauen, weil sie die Schläge und die Not nicht mehr ertragen konnten. Und unter ihnen sind auch Drei- bis Zehnjährige, die von ihren Eltern verlassen wurden.
Weltweit gibt es, so die Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO, 100 Millionen Straßenkinder. Andere Quellen nennen 10 bis 15 Millionen. In Deutschland leben vermutlich 10.000 bis 40.000 Jugendliche auf der Straße. Wirklich vertrauenswürdige statistische Angaben gibt es nicht. Einer der Gründe für die stark abweichenden Angaben ist die unklare Abgrenzung zwischen »arbeitenden Kindern« und »Straßenkindern«. Untersuchungen machen deutlich, daß ein Teil der Straßenkinder nur scheinbar sich selbst überlassen ist. Viele sind streng genommen arbeitende Kinder, die sich zwecks Gelderwerb auf den Bahnhöfen, Plätzen und Gassen aufhalten. In gewisser Regelmäßigkeit kehren sie zu ihren Familien zurück.
UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, bezeichnet diese arbeitenden, in der Familie lebenden Kinder als niños en la calle (Kinder auf der Straße). Die wesentlich kleinere Gruppe (circa 30 Prozent) der eigenständig auf der Straße lebenden, »echten« Straßenkinder werden niños de la calle (Kinder von der Straße) genannt. Die Übergänge sind ?ießend. Viele Straßenkinder waren zuvor Kinder auf der Straße. Manche von der Straße schaffen es, als arbeitende Kinder wieder Anschluß an stabile soziale Beziehungen (Verwandte, Freunde, Projekte) zu fnden.
Straßenkinder sind in der Regel Stadtkinder. Sie sind in den sich industrialisierenden Schwellenländern und in den Ballungsräumen weitaus häufger anzutreffen, als in ländlich geprägten Regionen. Nach einer 1998 in Bolivien veröffentlichten Studie gibt es in dem Land mit sieben Millionen Einwohnern weniger als 1.000 Straßenkinder, in Peru rund 500.000 und im stärker industrialisierten Brasilien allein sieben Millionen.
Auch auf dem afrikanischen Kontinent wächst die Zahl der Straßenkinder. Die traditionellen dörflichen Gemeinschaftsstrukturen, in denen die Menschen aufgefangen wurden, zerfallen. In Ländern wie Liberia, Mosambik und Somalia verstärkt sich dieser Trend durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen und Bürgerkriege.
Immer mehr junge Menschen werden familien- und heimatlos, Kinder werden verlassen und müssen sich alleine durchschlagen. Neben den sich au?ösenden Großfamilien und den (Bürger-)Kriegsfolgen ist wirtschaftliche Armut der Grund für die steigende Zahl von Straßenkindern. Die weltwirtschaftliche Entwicklung im Zeitalter von Globalisierung und technischem Fortschritt - aber auch der Zusammenbruch des »realsozialistischen« Modells - hat das Wohlstandsgefälle steiler werden und neue Armutsregionen entstehen lassen. Im Zuge staatlicher Deregulierung und Kürzung der Sozialetats - selbst in den USA und Europa - nimmt die Zahl der Straßenkinder zu.
Normalerweise durchläuft ein Kind unterschiedliche Stationen der Sozialisation: Familie, Kinder- garten/Schule, Freundeskreis/Clique, Berufsausbildung und Berufsleben. Bei Straßenkindern reduzieren sich diese Stationen auf gescheiterte Erfahrungen in der Familie. Die Straße wird zum alleinigen Ort für Sozialisation. Diesen sich selbst überlassenen jungen Menschen bleibt nur die Solidarität mit anderen Straßenkindern. Die Gruppe dient als Familienersatz und hat zudem die Funktion einer Schutz- und Sicherheitsinstanz, zum Beispiel vor Jugendbanden, Polizeikontrollen und Todesschwadronen. Die Gruppe ist Orientierungsgröße und zugleich Unterweisungsinstanz. Ein Teil der Straßenkinder versucht, der Perspektivlosigkeit und Isolation durch Drogenkonsum zu ent?iehen. Aus ihrer Erfahrungswelt ist es die Lösung, um die Situation zu ertragen und ein Gemeinsamkeitsgefühl zu erleben - vor allem aber, um Angst und Hunger zu vergessen.
Alfred Recknagel/Renate Giesler
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